Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2023, Nr. 36, S. 12
Für die Fische
Marco Goeckes neues Stück für das Nederlands Dans Theater / Von Wiebke Hüster, Den Haag
Marco Goecke sitzt im Trailer zu seiner Uraufführung "In the Dutch Mountains" auf einem Stuhl und gibt Auskunft. Es sei sein erstes abendfüllendes Stück mit dem Nederlands Dans Theater, für das er seit Langem arbeite und seine besten Stücke geschaffen habe. In Hannover, wo er seit 2019 Ballettdirektor ist, sollte dies zu denken geben. Ob stimmt, was er sagt, ist schwer zu entscheiden, dazu gibt es zu viele Auftragswerke und Einstudierungen des ubiquitären Choreographen. Er habe den Wunsch verspürt, einmal abstrakt zu choreographieren, nicht sondern abstrakt. Inspiriert habe ihn das Meer, auf das er während der Proben täglich lange von seinem Scheveninger Hotelzimmer aus geschaut habe. Das Licht, der Wind, der Seegang, die Geräusche spielender Kinder und das Bellen von Hunden: Lebenslang könne man vor dieser eigentlich langweiligen und doch so faszinierenden Aussicht sitzen bleiben.

So sieht das Stück auch aus. So fühlt man sich auch: wie hinter Glas im Warmen sitzen gelassen mit Blick auf einen Winterstrand, wie in einer ewigen Pensionszeit. Das Stück stellt einen vor der Fassade eines Stücks ab und sagt, da, das ist alles, was es in diesen siebzig Minuten zu sehen gibt. Eine schwarze Bühne, deren dunkle Beleuchtung von Zwielicht zu Schummerlicht wechselt, aber gleichmäßig kalt bleibt, ein Aushang, auf dem Bill-Viola-haft das Meer schwarz-weiß rollt und gischtet und geifert, ein Himmel über Dünen, ein Donnergrollen und Regnen aus den Lautsprechern. Schwarz-Weiß-Theater, in dem androgyn gekleidete Tänzer in großer Zahl mit durch die Oberteile schimmernden Brustkörben Goecke tanzen.

Eine Stimme vom Band sagt eingangs, das Land sei ständig verregnet und gehöre den Fischen. Die Band Nits singt "In the Dutch Mountains", gerahmt von live gespieltem Bartók und Brahms. Das Problem ist nicht die Abstraktion. Das Problem ist die syntaktische Sinnlosigkeit der abstrakten Choreographie, deren Thema auch nicht das unaufhörliche Neu-Ansetzen ist. Zugegeben, Marco Goeckes Bewegungssprache hat sich in den vergangenen Jahren erweitert, das krass getaktete, wie abgeklemmte Tanzen, die Gänge, bei denen die Arme an den Körper geklebt sind wie eingezogene Hundeschwänze, die sprechenden, fuchtelnden, aberwitzigen oder tragischen Soli, die zusammenklatschenden Bäuche der Duettierenden, all das ist toll. Bloß wirkt das Stück so, als wären dem hinter der Scheibe sitzenden Meeresbeobachter die Trolle durch seine Aufzeichnungen geritten und hätten Goecke die zerfetzten Fragmente hinterlassen mit der Drohung, sie ja nicht sinnvoll in eine Reihenfolge zu bringen. Man wird beim Zuschauen abwechselnd irre und von Langeweile umgebracht. Dazwischen kommen ab und an zwei genialische, stimmige Minuten. Das Stück ist wie ein Radio, das den Sender nicht richtig eingestellt kriegt. Es ist eine Blamage und eine Frechheit, und beides muss man dem Choreographen umso mehr anlasten, als Virtuosität und Präsenz der Tänzer des Nederlands Dans Theater nach mehr verlangen.

Die besten abstrakten Choreographien erzeugen einen innerweltlichen Sog, in dem sich Bühnenpersönlichkeiten erst wirklich entfalten und ihre Bewegungen und Blicke ein bedeutungsvolles, dichtes Gewebe entstehen lassen. Nur die Arbeit an einer solchen Intensität und Kommunikation hätte dieses unkonzentrierte und zerfahrene Stück retten können.
 
Bildunterschrift: Der Tänzer Charlie Skuy in Den Haag

Foto Rahi Rezvani
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